Sunday, January 17, 2016

# 111

Carrara Marmor
86,3cm x 26,7cm x 16,5cm
Ostung, E91°




Ein Individuum kann nur im Kontext seiner Zeit und seiner
Konventionen denken. Der Fortschritt lässt sich nicht generieren oder erzeugen.
Als Beispiel für diese Behauptung führe ich das Bemühen der fauvistischen Maler
an, welche ihrer Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, die Avantgarde und das
progressive Denken verkörperten. Das Bemühen dieser Leute galt, die bestehenden
Konventionen zu sprengen und sich von allem zu lösen was die Kunst ihrer zeit
festgehalten hat. Die naturalistische Farbpalette wurde ersetzt durch eine farbenfrohe,
nicht der Realität entsprechende Farbkombination. Die anatomische Darstellung
wurde gekonnt ignoriert und die Optik wurde der Antihaltung, gegen die geltenden
Gesetze der Kunst, angepasst. Doch war es am Ende trotzdem noch simple Malerei
auf einem gebräuchlichen Nessel, klassisch auf einem Keilrahmen gespannt.
Paradoxerweise war die unkonventionelle Geste der Fauvisten alles in allem
immer noch in dem Rahmen der malerischen Konvention: "Leinwand auf Keilrahmen".
Heute bezeichnen wir diese Epoche als klassische Moderne. Schlussfolgernd kann man
sagen, die Fauvisten konnten lediglich einen Schritt gehen, der das Denken auf eine
nächst höhere Ebene gebracht hat. Das progressivste Denken jeder Zeit lässt lediglich
einen einzigen Schritt zu, denn jeder weitere Schritt übersteigt das menschliche
Denkvermögen. Selbst für die Fauvisten wäre es ein wahnwitziger Irrsinn von
einem Erlebnis gewesen, wenn man ihnen Kunst aus dem 21. Jahrhundert gezeigt hätte.
Nicht denkbar und nicht nachvollziehbar wären die Bild-findenden Entscheidungen
für die damals progressivsten Denker gewesen, was für uns die zeitgenössische Kunst
ausmacht. Dieses Gedankenexperiment auf die heutige Zeit übertragen bedeutet,
dass sich eine Gesellschaft immer mit dem einen möglichen Schritt des Fortschritts
beschäftigt. Es bedeutet, dass das Denken zu jeder Zeit immer beschränkt ist durch
die eigens errichtete Wand des Seins. Selbst das Denken in der Zukunft, ist lediglich ein
gegenwärtiger Gedanke an eine Zukunft, welche unter keinen Umständen von
vornherein bestätigt werden kann.
Wenn der Künstler seiner Zeit so weit wie er es zu können vermag in die Zukunft denkt,
so ist sein Denken und sein damit möglicherweise verbundenes Tun, kein zukünftiges,
sondern lediglich das gegenwärtige Denken seiner Zeit. Das Bemühen innerhalb
seiner Zeit in die Zukunft zu denken generiert nur ein weiteres gegenwärtiges Denken.
Der progressivste Denker jeder zeit, war kein Zukunftsdenker, sondern lediglich
einer der gegenwärtig gedacht hat, also Einer, der nur das Gegenwärtige verarbeiten
konnte, zu etwas nochmal Gegenwärtigem, nicht aber zu etwas Zukünftigem.
So kann man sagen, dass der gedankliche Schritt eines Individuums oder einer
Gruppe endlich ist, aber auch edel.
Aus dieser Überlegung heraus entsteht nun folgende Arbeit.
Metaphorisch für den Schritt, also den gedachten Schritt, ist eine separierte Stufe in zwei
Ausführungen, einmal im Raum platziert, nach Osten zeigend und einmal an die Wand
positioniert, reglementiert durch die von der Gesellschaft erbauten Mauern des Gebäudes.
Ein edles Material welches dem Schritt gerecht wird, ist der Carraramarmor.
Michael Angelo der seiner Zeit aus einem Carrararmarmorblock den David geschlagen
hatte, wurde nach Fertigstellung seines Werks mit Gerüchten konfrontiert, dass seine
Zeitgenossen seine Arbeit einem anderen Handwerker zugesprochen hatten. Erzürnt
über diese Fehleinschätzung ging er in derselben Nacht noch zu seinem Werk und
meißelte seinen Namen in den Sockel. Mit diesem schritt verstand sich Michael
Angelo als Schöpfer des Werks, und leitete somit die Renaissance ein, welche den
einfachen Handwerker der Kunst zum Schöpfer von Kunst machte. Der Carraramarmor
ist also konnotiert, mit dem geistigen Schritt den ein Individuum seiner zeit innerhalb
seiner Konventionen tun kann, um das Denken auf eine nächst höhere Stufe zu heben.
Der Marmor an sich ist ursprünglich ein gewöhnlicher Kalkstein welcher durch Erdplattenverschiebungen zum Erdkern gedrückt wird, wo er unter sehr hohen Temperaturen und Druck durch eine Metamorphose zum Marmor wird.

Nach der Materialfrage folgt immer gleich die Frage nach dem Maß. Für die Stufe wie
wir sie kennen gibt es eine Norm, welche auf dem metrischen System basierend
entworfen wurde. Das metrische System wurde im Zuge der Französischen Revolution
als Einheitsmaß eingeführt, und löste die Elle, den Fuß und ettliche andere Maßeinheiten
ab, welche als ungenau galten, da sie den individuellen Körper des Menschen als
Einheit benutzten. Der Meter errechnete sich aus dem zehn millionsten Teil von Pol zum
Äquator und war somit eine direkte Referenz zum Erdmantel. Auf diesem System
basierend wurden fortan auch alle architektonischen Werke erbaut, bis zum Anfang
des 20. Jahrhunderts, wo der progressiv denkende Architekt „Le Corbusier“ sich
gegen die geltenden Regeln von Architektur seiner Zeit stellte und diese zu
revolutionieren vermochte. Seiner Ansicht nach war alle Architektur welche auf
dem metrischen System basierte schlecht und kalt. Seiner Ansicht nach waren alle
sakralen Bauten der Antike, welche alle auf einem menschlichen Maß, wie der Elle,
oder dem Fuß erbaut wurden, direkte Referenzen zu den jeweiligen Organen des
Menschen und somit auch eine organische Skulptur, in der die Harmonie der Proportion
der Natur steckte. Le Corbusier entwickelte mit einem Mathematiker die Modulor-Tabelle,
welche den „durchschnittlichen“ Menschen anhand des goldenen Schnitts errechnen lässt.
Die Architektur Le Corbusiers war also wieder auf einem Prinzip basierend welche
sich auf den Menschen, und nicht auf den Erdmantel referieren lies und war somit etwas
Organisches, natürliches. Es war etwas, worin sich die komplexe Mathematik der Natur
wiederfand, welche sich wahrnehmbar erfühlen lässt.
Das Maß der Stufe fasst 86,3 cm, 26,7 und 16,5 cm und ist an der Stufennorm des
Metrischen Systems orientiert, aber aus dem Modulor System entnommen. Somit
wird der Carrararmarmorblock zu einem menschlichen schritt, in dem das Prinzip
des „Göttlichen“ verankert ist. Er wird zu einem schritt, indem der geistige Schritt selbst,
wie wir ihn aus der Geschichte kennen, zur Referenz wird.
Die weiße Carrararmarmor-Version der Stufe wird im Raum nach Osten zeigend platziert,
um einen gedachten sakralen Bau zu erzeugen, welche stets immer nach Osten ausgerichtet
werden, um auf das Göttliche zu referieren. Die Stufe kann gegangen werden, um sich
symbolisch auf eine höhere Ebene zu begeben. Ein weiterer Schritt lässt vermuten dass
das Denken diesen schritt wieder verlieren kann, was de facto aber nicht möglich ist.
Einmal gegangen verändert sich die Stufe in ihrer molekularen Struktur und wird zu einer
neuen, noch nie dagewesenen Stufe. Sie wird zu einer neuen Ebene des Erstrebenswerten. Die stufe im Raum sind endlos viele machbare Schritte. Sie ist der Prozess des Denkens, sie ist das endlose Voranschreiten des Menschen, sie ist der „Schritt nach Osten.“

Die schwarze Kalkversion der Stufe wird an die Wand positioniert.
Das Maß dieser Stufe 27.1cm x 16.8cm 87.8cm.
Dieses generiert sich, durch das Prinzip von Modulor an meiner persönlichen Körpergröße orientierten version der Tabelle von Le Corbusier. Sie verkörpert also die Proportionen und Längen meines Individuellen einzigartigen Körpers.
Die Stufe steht für den
endlichen Schritt, den der einzelne Mensch seiner zeit tun und begreifen kann. Er geht den Schritt und steht sodann vor einer Wand, welche die Menschen seiner Zeit erbaut haben.


Friday, January 15, 2016

# 110 "let it do whatever it wants"



https://www.youtube.com/watch?v=vGTyrFs7Z50

"let it do whatever it wants"
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Tuesday, November 24, 2015

#107 Luft im Sack






Zu sehen ist ein 45 cm langes, 5 cm hohes und 4 cm tiefes Holzstück aus Eiche, dessen beide Enden zur Mitte zeigend in einem 45 Grad Winkel auf Gehrung geschnitten wurden. Die Kanten des Stücks sind abgerundet, die Oberfläche des Keils ist hochgeschliffen, und mit einer feinen Schellack Politur überarbeitet worden. An diesem Keil wird nun ein Jutegewebe-Sack befestigt. Befestigt wird dieser mit altertümlichen, geschmiedeten Nägeln, wie man sie aus der klassischen, altmeisterlichen Malerei kennt. Der Jutesack misst etwa eine Armlänge, und ist im Durchmesser etwa so breit wie das Holzstück. Der Bund des Jutesacks ist ein paar Finger breit in Hasenleim getaucht worden und sodann in Champagnerkreide. Hasenleim und Champagnerkreide bilden den klassischen Malgrund der altmeisterlichen Malerei. In Kombination mit dem Holzstück, und den geschmiedeten Nägeln, finden wir eine bildhauerische Situation vor, welche wir, rein auf die Materialien bezogen aus der klassischen Malerei kennen. Die Anordnung der Materialien wurde so verändert, dass eine komplett neue Funktionsweise der Malerei entsteht, welche aber trotzdem noch den regeln der klassischen Malerei unterliegt. Wie für eine klassische malerische Arbeit üblich, wird diese an der Wand präsentiert, die Öffnung des Sacks zum Betrachter zeigend. Der Griff des Betrachters in den Sack lässt ihn mit leeren Händen dastehen, denn Materielles lässt sich nichts in jenem finden. Erst die Geste des Künstlers macht das Bild sichtbar. Der Künstler greift also in den Sack hinein, und formt in dem Sack mit seiner Hand eine ihm bekannte Form, zu einer symbolischen Geste, wie etwas das Peacezeichen, für Frieden. Er zieht die Hand nun aus der Jute und zeigt dem Betrachter seine Geste.
Das ist dritte Komponente welche eine Malerei ausmacht, die Geste. In der Malerei gibt es immer den Bildträger, welcher zum Beispiel in Form eines Keils mit Jutegewebe verbunden ist, hinzu kommt das gestische Arbeiten mit dem bilderzeugenden Mittel, wie zum Beispiel Farbe und Pinsel. Reduziert auf seine Prinzipien reicht aber für die Erklärung, was Malerei sei, auch die Geste mit der Hand. Das Bild wird nicht auf dem Träger erzeugt, sondern es befindet sich vielmehr schon im Vorfeld im Künstler selbst. Lediglich durch eine Bewegung wird es zum Vorschein gebracht.
Kunst kommt nicht von Können, Kunst kommt von Begreifen. Der Künstler der begriffen hat, wird mit einer simplen Geste ein Maximum von Bild ausdrücken können.